Aufruhr in zehn Zeilen - Gedichte über Löwenzahn und Pitbulls: Georg-Büchner-Preisträger Jan Wagner zu Gast im Deutschherren-Gymnasium

Von Carina Lautenbacher

Aichach - Viele Gedichte wurden über Rosen geschrieben, aber kaum welche über Löwenzahn. Jan Wagner aber hat Gedichte über Unkraut geschrieben, über den Grottenolm, Lateinlehrer, Karpfen und über Rettich. Einige seiner Gedichte trug der mit den höchsten Preisen ausgezeichnete Autor am Montag bei einer Lesung für die Schüler des Aichacher Deutschherren-Gymnasiums vor.

Erst im vergangenen Jahr wurde Jan Wagner mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet, der bedeutendsten Würdigung für Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Den Schülern am DHG versuchte er zu vermitteln, dass man über alles Gedichte schreiben kann. Der 46-Jährige hatte unter anderem Texte über einen Motorradfahrer, über Giersch und Pitbulls und eine Hommage an Stechmücken ausgewählt, um zu zeigen, dass der Blick des Dichters den Blick des Lesers auf die Welt verändern kann.

Wobei die Schüler in den eineinhalb Stunden vor allem Hörer waren. Jan Wagner macht die Sprache nicht nur geschrieben, sondern auch gesprochen zu einem Ereignis. Vielleicht weil ihm schon einmal ein Job als „erotischer Telefondienstleister" angeboten wurde, wie seine „Selbstvorstellung" verriet, und in seiner Stimme zugleich ein leicht Pastorales Timbre mitklingt. So sorgfältig die Worte in seinen Gedichten gewählt werden, so präzise artikuliert kommt ihm jedes einzelne über die Lippen. Hochmelodisch und rhythmisiert trägt er seine Texte vor, lässt die Worte und Lautmalereien schweben, so dass sich beinahe eine Verwandtschaft zum Poetry Slam aufdrängt. Zumindest zu einer gediegenen Version davon.

Überhaupt wird Jan Wagner in steter Regelmäßigkeit der Vorwurf gemacht, seine Texte seien zu konventionell. In der Tat ist Wagners Lyrik kein Blick in die Abgründe der modernen Welt und alles andere als experimentell. Vielmehr ist sein Projekt die Beobachtung der Welt und vor allem ihrer kleinsten Bestandteile aus neuer Perspektive. Er ist der Ansicht, „dass der Blick ins Große die Aufmerksamkeit für das Winzige einschließen sollte". Mit diesem Blick hat er sein Publikum und die Kritik so begeistert, dass er als erster Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, der bis dahin der Belletristik Vorbehalten war.

In einem seiner Prosatexte schildert Jan Wagner, wie er in einer Buchhandlung die Welt entdeckte, wie er dem jungen Swann aus Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" nach Cambray folgte, Georg Trakl in sein Salzburg, James Joyces „Ulysses“-Figur Leopold Bloom durch Dublin und Dylan Thomas ebenfalls nach Irland - überhaupt immer wieder Irland. Jan Wagner arbeitet auch als Übersetzer für englische Lyrik. Am Beispiel eines von ihm ins Deutsche übertragenen Gedichts zeigte er am DHG nicht nur, wie schwierig es ist, Lyrik in eine andere Sprache zu übersetzen, sondern zugleich Stilmittel, die ein Dichter verwenden kann - etwa das Spiel mit Klischees und Erwartungen. Wobei das Erwartbare nichts in seinen Gedichten zu suchen hat. „Es ist aufregend, sich beim Schreiben treiben zu lassen, und es ist langweilig, von Anfang an auf eine Schlussbotschaft hinzuschreiben."

Wenn er ein Sonett zu Papier bringe, nur um ein Sonett zu schreiben, dann komme die 13. Zeile nur, weil es eben ein Sonett sein soll, stellte er auf die Nachfrage fest, ob er absichtlich stilistische Mittel einbaue. Im Gespräch mit den Schülern erklärte Wagner, dass er als Dichter ein ganzes Instrumentarium an Stilmitteln im Hinterkopf habe, von denen sich die Passenden im Laufe des Entstehens eines Gedichts einfach aufdrängen.

Nachdem der Bann gebrochen war, hatten die Schüler mehr Fragen, als Zeit zur Verfügung stand. Unter anderem interessierten sie sich dafür, warum Wagners Gedichte durchgehend in Kleinschreibung verfasst sind. Das geschehe nicht nur, um jedem Wort das gleiche Gewicht zu geben, sondern auch, weil Worte wie zum Beispiel „regen" groß oder klein geschrieben Unterschiedliches bedeuten könnten. „Diese Doppelbödigkeit sorgt für schöne Effekte." Jan Wagner geht es genau um diesen Effekt auf den Leser. „Ein Gedicht ist ein Aufruhr in zehn Zeilen", hat er an anderer Stelle gesagt.

Aufruhr in zehn Zeilen - Gedichte über Löwenzahn und Pitbulls

So titelte Carina Lautenbacher ihren Artikel über die Lesung von Büchner - Preisträger Jan Wagner am DHG in der Print-Ausgabe der Aichacher Zeitung vom 27.02.02. Und das hat sie geschrieben:
Viele Gedichte wurden über Rosen geschrieben, aber kaum welche über Löwenzahn. Jan Wagner aber hat Gedichte über Unkraut geschrieben, über den Grottenolm, Lateinlehrer, Karpfen und über Rettich. Einige seiner Gedichte trug der mit den höchsten Preisen ausgezeichnete Autor am Montag bei einer Lesung für die Schüler des Aichacher Deutschherren-Gymnasiums vor.
Erst im vergangenen Jahr wurde Jan Wagner mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet, der bedeutendsten Würdigung für Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. (Bild: DHG)  Den ganzen Artikel finden Sie hier.

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